Bote vom Untersee und Rhein vom Dienstag, 30. August 2016

 

 

Spielt das Klima verrückt?

ETH-Atmosphärenphysiker Erich Fischer analysiert auf Einladung

des Solarvereins Steckborn Wetterphänomene

(hch) Heisse Sommer wie in den letzten Jahren, immer wieder
extrem starke Regenfälle, Hochwasser in einigen Gegenden,
Dürren in anderen, Wirbelstürme in wieder anderen - sind dies
Launen der Natur? Ist es immer wieder so gewesen? Oder das
Resultat des Klimawandels? Der Solarverein Untersee wollte es
genau wissen und lud Erich Fischer, einen Atmosphärenphysiker
der ETH Zürich ein, der im «Institut für Atmosphäre und Klima»
unter anderem im Bereich Klima und Wetterextreme wie
Hitzewellen und schwere Regenfälle forscht.
In den letzten Jahren litten viele Gegenden der Welt unter extremen
Wetterbedingungen, Überflutungen nach extrem starken
Gewittern oder Niederschlägen in Louisiana oder Niederbayern,
in diesem August erstmals 54º Celsius in Kuwait, Val Gardena
im letzten Dezember ohne Schnee, ein frühlingshafter Bodensee
mit sehr wenig Wasser, Hurrikans an der amerikanischen
Küste. Mit Bildern illustriert Erich Fischer anschaulich, welche
Wucht Wetterextreme haben, wie viel Schaden sie anrichten
können.
Tatsächlich werde es wärmer
Wie eine Ärztin zuerst die Beschwerden eines Patienten genau
anschaue, bevor sie eine Diagnose stelle, müsse er als Wissenschaftler
die Wetterextreme studieren, bevor er sie als Auswirkungen
des Klimawandels diagnostiziere, so Erich Fischer.
Heute gebe es weltumspannend Messstationen, der Wissenschaft
stünden also eine Menge Daten zur Verfügung, die vielleicht an
sich keine Beweise seien, aber plausible Schlüsse zuliessen. Beobachtungen
in den letzten 50 Jahren beweisen, dass die globale
Temperatur zugenommen habe. 2015 sei das wärmste Jahr gewesen,
seit gemessen werde, für 2016 werden noch heissere
Temperaturen erwartet.
Den grössten Teil der Wärme absorbierten zwar die Ozeane,
aber auch die Schweizerseen werden wärmer. Wenn die Temperatur
weltweit um 1º Grad steige, bedeute das für die Schweiz
eine Zunahme von 2º. Der Zürichsee zum Beispiel sei auch im
tiefsten Bereich so warm, dass es mehrere eiskalte Winter bis zu
einer nächsten «Seegfrörni» bräuchte.
Seine Diagnose: die Erderwärmung sei global und rasant,
auch in den nächsten Jahrzehnten werden so hohe Temperaturen
erwartet wie noch nie zuvor, extreme Wetter seien wahrscheinlich.
Der Klimawandel, die Erderwärmung sei nicht allein für
die Wetterextreme verantwortlich, könne sie aber begünstigen.
Treibhausgase bauen sich langsam ab - auch beim 2º-Ziel
Die Erwärmung der Erde durch Treibhausgase sei ein natürlicher
Zustand, ohne diese wäre die Erde etwa 33º Celsius kälter.
Wenn sich aber die Konzentration der Treibhausgase, vor allem
Kohlendioxid und Methan, durch menschliche Aktivitäten erhö-
he, werde das Gleichgewicht gestört und die Temperatur der Erde
steige unnatürlich stark an. Die Politik habe jetzt mit einem
Kompromiss reagiert, möchte die globale Erwärmung auf 2°
Celsius gegenüber dem Niveau vor Beginn der Industrialisierung
begrenzen, den Kohlendioxid-Ausstoss als Hauptverursacher
reduzieren. Aber auch diese Massnahme, die für viele Inselstaaten
wie die Malediven zu wenig weit gehe, könne keine
Wunder versprechen. Wenn wir eine Badewanne füllen und
dann das Wasser abstellen, sei die Badewanne nicht - schwupps
- leer. Genau so verhalte es sich mit dem Treibhausgas, die Konzentration
von Kohlendioxid, die bereits in der Atmosphäre sei,
baue sich nur langsam ab, die Temperaturen verringern sich also
nur allmählich.
Und um das 2º-Ziel zu erreichen, müssten die Emissionen auf
Null reduziert, das menschliche Verhalten stark verändert werden.
In der Schweiz verursache der Verkehr 32 Prozent des Kohlendioxid-Ausstosses,
die Haushalte 18 Prozent, die Industrie 21
Prozent, die Landwirtschaft 13 Prozent oder die Dienstleistungen
9 Prozent und die Abfallbewirtschaftung noch 7 Prozent.
Und in dieser Emissionsliste sei das Konsumverhalten noch
nicht einmal aufgelistet, betont ein Teilnehmender. Das T-Shirt,
das in China produziert, aber hier getragen werde, die Schadstoffe
aus dieser Produktion seien nicht einmal eingerechnet.
Die Erderwärmung sei eine Tatsache, schliesst der Wissenschaftler
seine Ausführungen, und der menschliche Einfluss
offensichtlich.
Der Klimawandel habe zu einer Zunahme von Extremereignissen
beigetragen. Aber die Zukunft können wir mitbestimmen,
unser Verhalten der Situation anpassen, wenn immer möglich
auf erneuerbare Energien setzen und die Treibhausgasemissionen
reduzieren - immerhin hätten diese 2015 zum ersten Mal
nicht zugenommen.